Einzelhaft
(Briefe aus der Stille)

Brief I

Als heute morgen
ein Einsatzkommando der Polizei
meine Wohnung stürmte,
mir Handschellen anlegte
und alle Gedichte verbrannte,
glaubte ich,
ich sei im falschen Film.

Doch als ich noch einmal
aus dem Fenster sah,
verstand ich.

Wortlos ließ ich mich abführen,
vorbei
an all den gebrochenen Herzen.


Brief II

Zwei Meter vorwärts,
zwei Meter zurück.
Mein Körper kann die Enge ertragen,
doch mein Geist rebelliert.

Gedanken
kollidieren mit Wänden,
Ideen
verfangen sich zwischen Gitterstäben.

Gedichte
sterben,
ehe sie geboren sind,
weil sie keine Nahrung finden.

Einzelhaft.


Brief III

Plötzlich reihen sich zwei Worte aneinander,
finden ein drittes,
formieren sich zu einer Zeile,
der weitere folgen.

Sie schreien danach,
auf Papier gebannt zu werden,
bevor sie sich wieder verflüchtigen,
doch ich sitze hier,
kahle Wände der einzige Ort,
mein Blut die einzige Tinte,
um sie festzuhalten.

Und ich schreibe, schreibe,
schreibe....
Gedichte,
die wirklich von Herzen kommen.


Brief IV

Deine Hände sind der einzige Beweis,
dass es um mich herum noch Menschen gibt.
Jeden Tag dreimal,
wenn du das Essen in meine Zelle schiebst.

Heute habe ich zum ersten Mal deine Stimme gehört:
"Wozu heute noch Gedichte? Wer liest schon noch?
Die Menschen hasten nur noch durchs Leben,
schnelle Befriedigung, keine Zeit."

Zuerst war ich bestrebt zu sagen,
"Damit du auch morgen noch Arbeit hast",
doch dann erinnerte ich mich deiner Hände,
faltig und vom Alter gezeichnet.

"Damit auch deine Enkel in deinen Händen etwas sehen,
das Wärme gibt, Zuneigung, Liebe,
und nicht nur verbrauchtes Fleisch."
Und zum ersten Mal hast du etwas von meiner Suppe verschüttet.


Brief V

Ein Stift und ein Stück Papier,
versteckt unter meinen Brot,
flüsternd deine Stimme:
"Ich feiere Silberhochzeit,
hast du ein Gedicht für meine Frau?",
doch die Antwort auf dem Zettel
hast du sicher nicht erwartet:

"Schreib selbst.
Nur du hast die Gefühle,
die zu Worten werden,
Liebe und Dankbarkeit,
Träume und Zweifel.
Versuch es einfach!"


Brief VI

Schweißgebadet erwache ich,
mitten in der Nacht,
entfliehe dem Traum,
der mich peinigt.

Gitterstäbe, die versuchen,
sich zwischen mich und das,
was mir wichtig ist,
zu drängen.

Gitterstäbe,
die die Hoffnung
auch aus meinen Träumen
vertreiben wollen...


Brief VII

Buchstaben formen sich zu Worten,
Worte, die sich aneinanderreihen,
Sätze bilden...

Sätze ohne Sinn
oder tausendfach gesagt...

Ausgebrannt...

Dichteralltag?


Brief VIII

Mir fällt nichts ein...
fällt nichts ein...
nichts ein...
ein...

...aus.




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